Dokumentarfotografie im Wandel

> Einleitung
> Analyse
Die Dokumentarfotografie gehört seit dem frühen 20. Jahrhundert zu den Arbeitsinstrumenten der Verwaltung, der Presse, der freien Marktwirtschaft und des künstlerischen Schaffens. Sie hat die Malerei als primären visuellen Informationsträger abgelöst. Was damals mit dem Aufkommen der Fotografie eine Krise der Malerei auslöste, widerfährt heute womöglich der Fotografie selbst. Doch eine Krise bedeutet auch immer eine Chance – eine Chance, weil die Fotografie allgegenwärtig ist, unsere Wahrnehmung der Welt prägt und weil sie tagtäglich in unfassbarer Menge entsteht.
Die Herausforderung besteht also nicht darin, dass fotografiert wird, sondern wie wir mit der «Bilderflut» umgehen – und wie sich professionelle Fotograf:innen darin positionieren.
Die Veränderungen in der Bildökonomie sind massiv – vom technologischen Fortschritt über neue Aufnahmeformen und Geräte bis hin zu veränderten finanziellen und produktionellen Rahmenbedingungen. Ein Blick auf die Medienlandschaft der Schweiz zeigt, wie grosse Verlagshäuser unter enormem finanziellem Druck stehen und versuchen, nicht nur bei Inhalten und Redaktionen, sondern auch auf Bildebene, bei Fotograf:innen zu sparen. Gleichzeitig ist es für kleine Medienunternehmen kaum möglich, professionelle Fotografie zu bezahlen. Auch Firmendokumentationen, Geschäftsberichte etc. leisten sich immer weniger Betriebe oder sie überlassen das «Dokumentieren» den unzähligen Smartphones in den Jackentaschen ihrer Mitarbeiter:innen. Nicht zuletzt stagnieren oder sinken auch die Auftragshonorare für freie Fotografinnen. Parallel dazu gibt es immer weniger Druckerzeugnisse, während im Netz und auf sozialen Medien immer mehr Bilder in kürzerer Zeit konsumiert werden. Diese Entwicklungen können nicht mehr rückgängig gemacht werden. Sie sind unumkehrbar. Es geht also nicht um ein «Ade» der Dokumentarfotografie, sondern um eine Verlagerung, einen Transformationsprozess.
Visuelle Informationen sind wichtiger denn je. Viele Plattformen erzählen Geschichten ausgehend oder sogar ausschliesslich über Bilder und Fotografien. Geschichten zu teilen, macht die Welt verständlicher. Dokumentarfotograf:innen sind die Fachleute dafür: Sie sind die Chronist:innen ihrer Zeit und arbeiten am kollektiven, visuellen Gedächtnis.