BelleVue Ort für Fotografie
 


BelleVue-Atelier
Märchen
6. bis 28. September 2025

Auszug aus dem Ausstellungsflyer

 

Wer hat Angst vor dem bösen Rotkäppchen?
Seit Jahrhunderten erzählen Märchen von wundersamen Begebenheiten, fremden Welten, sprechenden Tieren, gefährlichen Wäldern und Helden, die Prüfungen bestehen müssen. Doch hinter den bekannten Figuren und fantastischen Geschichten steckt mehr als blosse Unterhaltung für Kinder. Märchen sind Spiegel ihrer Zeit. Sie erzählen von Ängsten, Hoffnungen und dem Kampf zwischen Gut und Böse. Sie warnen, mahnen und vertrösten. Das Happy End vieler Märchen war oft nicht nur Trost, sondern auch ein stilles Versprechen an diejenigen, deren Alltag von Armut, Unterdrückung, Krankheit oder Entbehrung geprägt war: Irgendwann wird das Gute siegen. Irgendwann wird alles besser.


Auch heute begegnen uns Märchen, auf den ersten Blick vielleicht romantisch verklärt, auf den zweiten voller Abgründe und Zwischentöne. Sie tauchen auf in Literatur, Film, Kunst oder Musik, aber auch in den Geschichten, die wir uns über uns selbst, über unsere Gesellschaft oder die Zukunft erzählen. Märchen nähren unsere Sehnsüchte, unsere Träume und manchmal auch unsere Illusionen.


Längst steht «Märchen» nicht mehr nur für Zauberwälder, Prinzessinnen und sprechende Tiere. Auch in der Sprache der Politik und der Medien begegnet uns das Märchen, als Sinnbild für geschönte Wirklichkeiten oder gezielte Irreführung. Und manchmal ist das böse Rotkäppchen näher, als wir denken.


Fünfzehn Fotografinnen und Fotografen haben sich im Rahmen des BelleVue-Ateliers seit dem Winter 2024/25 mit ihrem «Märchen» auseinandergesetzt. Die Fotoausstellung lädt Sie ein, klassische Märchenmotive, moderne Deutungen, persönliche Traumwelten oder kritische Fragen an unsere Gesellschaft zu erkunden.


Das Atelier ist ein bewährtes, jährlich neu gestaltetes Kernformat von BelleVue – Ort für Fotografie und bietet Interessierten die Möglichkeit, eine eigene Fotoarbeit zu entwickeln.

 

Mit Fotografien von:
Alain Di Gallo
Peter Eckard
Maria Filippova
Walter Hiltpold
Fred Illy
Lilo Münch
Bruno Oertle
Stefan Ryser
Beat Schöpflin und Rolf Fischer
Richard Spillmann
Beate Staffel
Dirk Stöpke
Franziska Stucki Junker
Barbara Thüring
Beatrice Zwicky

Führungen und Veranstaltungen


Fotografieren können alle, müsste man glauben, bedenkt man die Bilderflut unserer Gegenwart.


Im BelleVue-Atelier fliesst der Strom bedächtig über Staustufen und Stromschnellen, und immer gespeist von Zuflüssen. Am Anfang steht das Projektthema. Was ist meine Idee? Eine kleine Gruppe fantasievoller Fotograf:innen findet sich. Ich fotografiere Skizzenbilder, lege sie vor, nehme Anregung und Kritik entgegen und fotografiere weiter, entwerfe ein Konzept, lege es vor mit neuen Bildern. Expert:innen reagieren darauf und begleiten mich sorgfältig und engagiert. Kann sein, dass man mir widerspricht, kann sein, dass man mich lobt; auf jeden Fall fordert man mich heraus. Ich begebe mich in einen Fluss mit Strömungen, Untiefen, zusammen mit anderen. Ich sehe auch sie und erlebe, wie sie sich über Wasser halten. Wir sprechen über Klippen und scherzen über Wasserfälle. Ich versuche, klarer zu zeigen, was ich will, bis es sichtbar wird. Am Ende ist der Anfang nur noch ahnbar im Bild, oder meine ersten Bilder sind vollständig mutiert zu einem neuen lesbaren Ausdruck. Ich bin kein Fotograf, aber ich fotografiere. Das Projekt motiviert mich, fordert meinen Gestaltungswillen heraus. Dass das eine oder andere meiner Bilder gezeigt werden könnte, wird erst im Lauf des Projektes klar. Ich wusste es nicht, als ich das Motiv fand, ahnte es vielleicht. Schliesslich steht mein Fotografieren am neuen Ort. Meine Bilder haben eine Geschichte.

Bruno Oertle