BelleVue Ort für Fotografie

Sonntag, 11. November, 17 Uhr

Lesung mit Serena Wey

 

Serena Wey liest Auszüge aus dem Roman:

Der Oberst hat niemand der ihm schreibt von Gabriel Garca Márquez

Eintritt: 15.–/10.–

 

Inhalt:

Der Held dieses 1956 spielenden kleinen Romans ist ein alter Oberst, der mit seiner Frau völlig verarmt in einem kolumbianischen Tropendorf lebt und seit fünfzig Jahren auf seine Veteranenpension wartet. In dem namenlosen Dorf herrscht der Ausnahmezustand der Militärdiktatur, der als Normalzustand in Fleisch und Blut der Bewohner übergegangen ist. Das Leben stagniert, dennoch warten sie, hoffen sie auf Veränderung, auf Befreiung, die meisten passiv, wenige aktiv. Zu den Aktiven gehören der Arzt, die Gesellen der als Widerstandszelle mit einem Plakat »Politische Gespräche verboten« getarnten Schneiderwerkstatt und schließlich auch der Oberst mit seinem Kampfhahn, einem Erbstück seines Sohnes Agostin, der wegen Verteilung illegaler Flugblätter in der Kampfarena von der Polizei erschossen worden ist. Der Oberst und seine asthmatische Frau haben nichts mehr zu essen. Das Postboot, auf das der Oberst jeden Freitag wartet, bringt keinen Brief, keine Bestätigung der Pension. Der Hahn soll verkauft werden, der reiche Nachbar wartet schon darauf, daß er ihn billig kriegt, aber der Oberst bringt es nicht fertig, immer wieder schiebt er den Verkauf hinaus. Und an dem Tag, an dem er plötzlich sieht, wie der Hahn sich beim Training in der Arena behauptet, umjubelt von allen jungen Leuten des Dorfes, an diesem Tag weiß der Oberst, daß der Hahn für ihn und für das Dorf das Symbol einer Hoffnung und des Widerstands ist.

 

 

Textauszug:

Der Oberst hob den Deckel der Kaffeebüchse und stellte fest, daß nur noch ein Löffel voll übrig war. Er nahm den Topf vom Herd, goß die Hälfte des Wassers auf den Lehmfußboden und kratzte über dem Topf mit einem Messer die Büchse aus, bis sich mit dem letzten Kaffeepulver der Blechrost löste.

Es war Oktober. Der Morgen versprach schwierig zu werden, selbst für einen Mann seines Schlages, der viele Morgen wie diesen überlebt hatte. Sechsundfünfzig Jahre lang – seit dem Ende des letzten Bürgerkrieges – hatte der Oberst nichts getan als gewartet. Der Oktober war eines der wenigen Dinge, die eintrafen.Seine Frau hob das Moskitonetz, als sie ihn mit dem Kaffee ins Schlafzimmer treten sah. In der vergangenen Nacht hatte sie einen Asthmaanfall erlitten und war wie betäubt. 

Aber sie richtete sich auf, um die Tasse entgegenzunehmen

»Und du?« fragte sie.

»Habe schon getrunken«, log der Oberst. »Es war noch ein gehäufter Löffel übrig.«

In diesem Augenblick begann das Totenläuten.

»Es muß schrecklich sein, im Oktober begraben zu werden«, sagte sie.

Doch ihr Mann schenkte ihr keine Beachtung. Er öffnete das Fenster. Der Oktober war in den Innenhof eingezogen. Als der Oberst das üppig wachsende Grün betrachtete und die winzigen Löcher der Würmer im Lehm, spürte er wieder den unheilvollen Monat in den Gedärmen

»Ich habe feuchte Knochen«, sagte er.

»Das ist der Winter«, erwiderte die Frau. »Seit es regnet, sage ich dir, du sollst mit Strümpfen schlafen.«

»Seit einer Woche schlafe ich mit Strümpfen.«

Es regnete sanft und pausenlos. Der Oberst hätte sich am liebsten in eine Wolldecke gewickelt und wieder in die Hängematte gelegt. Doch die Beharrlichkeit der zersprungenen Bronzeglocken mahnten ihn an die Beerdigung. »Es ist Oktober«,  murmelte er und trat in die Mitte des Zimmers. Erst jetzt fiel ihm der am Fußende des Bettes festgebundene Hahn ein. Es war ein Kampfhahn.

 

Gabriel García Márquez, geboren 1927 in Aracataca, Kolumbien, arbeitete nach dem Jurastudium zunächst als Journalist. García Márquez hat ein umfangreiches erzählerisches und journalistisches Werk vorgelegt. Seit der Veröffentlichung von »Hundert Jahre Einsamkeit« gilt er als einer der bedeutendsten und erfolgreichsten Schriftsteller der Welt. 1982 erhielt er den Nobelpreis für Literatur. Gabriel García Márquez starb 2014 in Mexico City. 

Serena Wey 

Arbeitete nach der Schauspielausbildung längere Zeit als festes Ensemblemitglied beim Stadttheater Bern und beim Theater Basel. Seit 1986 engagiert sie sich als freie Schauspielerin/Sängerin  und als Gast an div. staatlichen Bühnen. Sie wurde mit div. Kulturpreisen geehrt.

Seit 2012 führt sie den Probe und Aufführungsort Theater Garage an der Bärenfelserstrasse 20 in Basel. www.theatergarage.ch